Hier noch ein paar Informationen über unseren berühmten Namensgeber:


Wenn sie den Namen "d’Artagnan" hören, denken die meisten Menschen an den berühmten Helden aus den Abenteuerromanen von Alexandre Dumas. In Deutschland wissen nur wenige, dass es diesen stolzen, gewitzten Gascogner tatsächlich gegeben hat.

Sein Vater war Bertrand II. de Batz-Castelmore, seine Mutter Françoise eine geborene Montesquiou d’Artagnan. Charles de Batz-Castelmore, später Graf d'Artagnan, wurde zwischen 1610 und 1615 als zweites oder drittes von acht Kindern auf Schloss Castelmore bei Lupiac in der Gascogne geboren.

Mit sechzehn oder siebzehn Jahren verließ er sein Elternhaus, um nach Paris zu ziehen und in die Armee des Königs einzutreten. Vermutlich wurde er zunächst in die Französischen Garden aufgenommen. Aus der Teilnehmerliste einer Heerschau geht hervor, dass er 1633 zur Eliteeinheit der Musketiere gehörte. Zu diesem Zeitpunkt nannte er sich bereits nach der Familie seiner Mutter d'Artagnan. Die Montesquiou d'Artagnan waren am Hof bekannt und hoch geachtet.

Athos , Porthos und Aramis haben ebenso gelebt. Sie hießen mit vollständigem Namen Armand die Sillègue d'Athos, Isaac de Portau und Henri d'Aramitz. Alle drei traten erst zwischen 1640 und 1643 in die Kompanie der Musketiere ein. Athos fand 1643 den Tod - vermutlich bei einem Duell. Porthos quittierte aufgrund von Verwundungen noch jung den Militärdienst. 1650 fungierte er als Munitionsaufseher in der Zitadelle von Navarrenx, deren Kommandant später d'Artagnans Bruder Paul werden sollte. Aramis diente bei den Musketieren bis zu ihrer vorläufigen Auflösung 1646. Danach lebte er als Landbesitzer im heimatlichen Béarn, heiratete 1650 und gründete eine Familie. Dumas' Tréville war tatsächlich Kapitänleutnant der Musketiere. Nach der Auflösung der Kompanie übernahm er das Gouvernement von Foix in der Nähe seiner Güter. Athos und Aramis waren seine Cousins.

D'Artagnan und die "Drei Musketiere" wurden durch die Romane von Alexandre Dumas weltberühmt und unsterblich. Dumas bediente sich allerdings der Schilderungen eines längst vergessenen Schriftstellers: Gatien de Coutilz de Sandras (1644 - 1712). Dieser hatte im Jahr 1700 unter dem Titel "Erinnerungen des Herrn d'Artagnan, Kapitänleutnant der Ersten Kompanie der Königlichen Musketiere" eine dreibändige Biografie d'Artagnans veröffentlicht. Er hatte in der Ich-Form geschrieben, so als habe der berühmte Musketier ihm seine tollkühnen Abenteuer und zahlreichen Liebesaffären selbst in die Feder diktiert. Diejenigen, die d'Artagnan noch persönlich gekannt hatten, waren empört und bezeichneten die "gefälschten Erinnerungen" als Schmähung des Andenkens an einen ehrenwerten und hoch geschätzten Vertrauten Ludwigs XIV. Das Werk wurde verboten, sein Verfasser landete in der Bastille. Knapp 150 Jahre später entdeckte Dumas in einer Bücherei ein Exemplar der verbotenen Biografie und war begeistert. Als Verfasser von Romanen mit historischem Hintergrund konnte er hier aus dem Vollen schöpfen. Auf die Korrektheit der Daten und die Chronologie der Ereignisse legte er keinen besonderen Wert, er wollte Leser fesseln. Ein paar Konflikte hier, ein paar Intrigen dort, die Figuren teils historische, teils fiktive Personen - so entstanden seine Werke, die heute zur Weltliteratur zählen.

Die fantastischen Abenteuer der vier Musketiere werden wohl größtenteils der Fantasie der Soldaten entstammen, die sich am abendlichen Lagerfeuer Geschichten erzählten, die sie von Mal zu Mal weiter ausschmückten. Courtilz de Sandras verkaufte sie dann als "Wahrheit" und Dumas verarbeitete sie geschickt. In zeitgenössischen Chroniken und Zeitungsberichten tauchen sie nirgendwo auf. Man nimmt allerdings an, dass der Wahlspruch "Alle für einen, einer für alle" aus den Reihen der Gascogner stammt, die in der Armee zahlreich vertreten waren und sich fern ihrer Heimat als große Familie empfanden. Die Spur des historischen d'Artagnan verliert sich nach 1633. Vermutlich kämpfte er an verschiedenen Fronten im 30jährigen Krieg.

Erst ab dem Jahr 1646 ist es möglich, sein Leben aufgrund von Dokumenten und Zeitungsartikeln nachzuzeichnen. Zu dieser Zeit sind König Ludwig XIII. und sein Premierminister Kardinal Richelieu bereits verstorben. Stellvertretend für den erst 8jährigen Thronfolger Ludwig XIV., den späteren Sonnenkönig, übt seine Mutter Anna von Österreich die Regentschaft über Frankreich aus. Als neuer Erster Minister steht ihr Kardinal Mazarin zur Seite, der auch als Patenonkel den jungen Ludwig erzieht.

Auf Befehl Mazarins wird die Kompanie der Musketiere im Januar 1646 aufgelöst - offiziell aus Ersparnisgründen. In Wahrheit will der Kardinal den eigenwilligen Tréville kaltstellen, der schon einmal an einem Putsch gegen seinen Vorgänger Richelieu beteiligt gewesen war. D'Artagnan wird sich inzwischen bereits mit außergewöhnlichen Leistungen hervorgetan haben, denn Mazarin beruft ihn in sein engstes Umfeld. Als Kurier und Geheimagent ist er ab jetzt zwischen Paris und der Front in Flandern unterwegs, wo die Franzosen gegen die Spanischen Niederlande kämpfen.

Während der 30jährige Krieg nach langwierigen Vertragsverhandlungen in Münster und Osnabrück mit dem "Westfälischen Frieden" endet, brechen im Inneren Frankreichs eine Reihe von Aufständen aus, die sich bis 1653 hinziehen. Die Wut des Volkes konzentriert sich auf den verhassten Kardinal Mazarin, der ständig neue Abgaben erhebt (und sich heimlich ein ungeheures Vermögen schafft). Dem Adel ist sein Einfluss auf die Königinmutter und den künftigen König ein Dorn im Auge. Um den Frieden im Königreich wiederherzustellen, sieht die Regentin sich veranlasst, Mazarin ins Exil zu schicken. Als treuer Gefolgsmann ist d'Artagnan gezwungen, sein Schicksal zu teilen. Mit seinen Vertrauten flüchtet Mazarin im April 1651 nach Aachen. Dort wird d'Artagnan beauftragt, den Erzbischof von Köln um "irgendein Schloss" zu bitten, wohin Mazarin sich zurückziehen könne. D'Artagnan erweist sich als erfolgreicher Mittelsmann - für die nächsten sieben Monate leben die Verbannten im Wasserschloss in Bonn-Brühl, auf dessen Grundmauern heute Schloss Augustusburg steht. Für d'Artagnan beginnt eine Zeit der geheimen Missionen und endlosen Ritte zwischen Bonn und Paris. Er gehört zu den Kurieren, die unter ständiger Gefahr den Briefwechsel mit der Königinmutter und den Anhängern des Kardinals befördern.

Auf Drängen der Königin kehrt Mazarin im Winter 1651/52 nach Frankreich zurück. Zum Dank für seine Dienste überträgt er d'Artagnan den Befehl über eine Gardekompanie. Da die Soldaten ihn nach so langer Abwesenheit von der Armee nicht akzeptieren, kehrt er in die Dienste des Kardinals zurück. 1654 wird er zum "Hauptmann der Königlichen Volière" ernannt. In diesem Jahr wird Ludwig XIV. gekrönt. Der junge König zieht alsbald erneut in den Krieg gegen die Spanier, und d'Artagnan ist glücklich, ihn begleiten zu können. Als überzeugter Berufssoldat zieht er das Kampfgeschehen einem bequemen Posten in Paris vor. 1655 erhält er die Stelle des Gardehauptmanns in der Kompanie Fourille.

Nachdem König Ludwig 1657 die Kompanie der Musketiere neu gegründet hat, erhält d'Artagnan im Mai 1658 endlich die Beförderung, die er während seiner gesamten Militärzeit angestrebt hat: Er wird zum Unterleutnant der Musketiere. Ein Beweis für seine wachsende Bedeutung ist die Tatsache, dass die Zeitung über seine Ernennung berichtet.

Da sein Vorgesetzter, Kapitänleutnant de Nevers, sein Amt selten ausübt und sich lieber den Künsten widmet, ist d'Artagnan de facto der Chef der Musketiere und nur dem König persönlich verantwortlich.

Er ist jetzt eine prominente Persönlichkeit, bezieht in Paris ein Stadtpalais und verkehrt in den vornehmsten Kreisen. Mit über 40 Jahren heiratet er eine reiche Baronin aus Burgund, Charlotte-Anne de Chanlecy. Das Paar bekommt kurz nacheinander zwei Söhne. D'Artagnan, der mit seinen Musketieren die Leibwache des Königs stellt, verbringt jedoch die meiste Zeit fern von der Familie. Seine Frau zieht sich nach wenigen Jahren enttäuscht auf ihre Güter zurück.

Zu den bedeutendsten Aufträgen des historischen d’Artagnan zählt die Verhaftung des Finanzministers Nicolas Fouquet, den er 1661 auf Befehl des Königs festnimmt und anschließend über drei Jahre bewacht.

Nachdem der Herzog von Nevers endlich sein Amt niedergelegt hat, wird d'Artagnan im Januar 1667 die Ehre zuteil, die gewöhnlich nur hochrangigen Adligen gewährt wird. Mit großem Zeremoniell wird er zum Kapitän der Ersten Kompanie der Musketiere ernannt. Kurz darauf wird ihm der Titel Graf verliehen. Diese beiden Ereignisse zeigen die hohe Wertschätzung, die Ludwig XIV. dem einstigen Kadetten aus der Gascogne entgegenbringt. Für d'Artagnan erfüllt sich ein Lebenstraum.

Die folgenden Jahre sind von Kriegen geprägt. 1672 widerfährt d'Artagnan erneut eine große Ehre. Er wird zum Interimsgouverneur der Stadt Lille ernannt. Sein Amtsvorgänger ist beim König in Ungnade gefallen, und wie so häufig beauftragt Ludwig XIV. seinen "Mann für alle Fälle" d'Artagnan. Dieser übt sein Amt mit der ihm eigenen Sorgfalt und Zuverlässigkeit aus, ist jedoch heilfroh, am Ende des Jahres abgelöst zu werden und zu seinen Soldaten zurückkehren zu können.

Am 25. Juni 1673 erfüllt sich sein Schicksal. Beim Sturm auf die Stadt Maastricht, der für die Franzosen siegreich endet, wird Charles de Batz-Castelmore Graf d’Artagnan tödlich getroffen. Ludwig schreibt der Königin: "Madame, ich habe d'Artagnan verloren, der mir immer ein treuer Diener war." Höchstwahrscheinlich wurde d'Artagnan in Maastricht begraben. Vor den alten Festungsmauern erinnert heute eine Bronzestatue an den berühmten Musketierkapitän.

Zu seinen Lebzeiten wurde d’Artagnan zum engen Vertrauten und väterlichen Freund des Sonnenkönigs. Hochrangige Persönlichkeiten würdigten ihn in ihren Nachrufen. Alexandre Dumas machte ihn unsterblich.

In seinem Geburtsort Lupiac, einem kleinen Ort etwa 120 km westlich von Toulouse, wird die Erinnerung an den großen Gascogner besonders gepflegt. Jeweils am zweiten Sonntag im August wird hier seit einigen Jahren das "Festival d'Artagnan" gefeiert. Die historischen Gebäude des Dorfes bilden eine perfekte Kulisse. Die originalgetreu nachgeschneiderten Gewänder der Bewohner tragen zu der Illusion bei, man befände sich im 17. Jahrhundert. Tausende Besucher bestaunen die Schaugefechte der Musketiere, flanieren über den Handwerkermarkt und genießen unter hohen, schattigen Bäumen im Park des alten Rathauses gascognische Spezialitäten aus vergangener Zeit. Viele Männer, Frauen und Kinder in Lupiac tragen mit ihrer Arbeit zum Gelingen des Festes bei. Auch sie handeln nach der Devise "Alle für einen, einer für alle".

Von Ria Wegner

Autorin der Biografie: "DARTAGNAN, Das wahre Leben des vierten Musketiers", erschienen beim MatrixMedia Verlag, Göttingen 2016